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Beton-Schönheit am Meer – Architektur-Check: Das ikonische „UFO“ von Binz und die Spuren von Ulrich Müther auf Rügen

Wer an Rügen denkt, hat meist die weiße Bäderarchitektur des 19. Jahrhunderts vor Augen: verspielte Holzbalkone, Türmchen und prächtige Villen. Doch zwischen den nostalgischen Fassaden verbirgt sich ein radikaler Kontrast aus Stahlbeton, der Architekturherzen weltweit höherschlagen lässt.

Die Rede ist von den futuristischen Schalenbauten des Bauingenieurs Ulrich Müther. Sein bekanntestes Werk, der Rettungsturm in Binz – liebevoll das „UFO“ genannt – ist längst zum Wahrzeichen der Moderne an der Ostsee geworden. Begib dich mit uns auf eine Spurensuche nach einer Ästhetik, die Leichtigkeit in Beton goss.


1. Das UFO von Binz: Landung am Ostseestrand

Es wirkt, als wäre es gerade erst aus einer weit entfernten Galaxie am Strand von Binz aufgeschlagen: Der ehemalige Rettungsturm an der Strandpromenade (Abgang 6). 1968 entworfen und 1981 errichtet, bricht dieser Bau mit jeder konventionellen Vorstellung von Küstenarchitektur.

Müther nutzte hier seine berühmte Hyparschalen-Konstruktion (hyperbolische Paraboloidschalen). Was kompliziert klingt, bedeutet für das Auge: Der Beton wirkt dünn wie eine Eierschale, geschwungen und beinahe schwerelos. Heute dient das „UFO“ als Außenstelle des Standesamtes. Wer sich hier das Ja-Wort gibt, tut dies in einem der futuristischsten Räume Deutschlands – mit Panorama-Blick auf die Ostseewellen.


2. Wer war Ulrich Müther? Der „Schalenkönig“ von Binz

Um die Beton-Schönheiten Rügens zu verstehen, muss man den Mann dahinter kennen. Ulrich Müther (1934–2007) war ein gebürtiger Binzer, der die DDR-Architektur international bekannt machte. Während im Rest des Landes die Platte dominierte, schuf Müther organische Formen, die an die Entwürfe von Oscar Niemeyer erinnerten.

Seine Bauten waren technologische Meisterleistungen:

  • Hauchdünner Beton: Oft nur wenige Zentimeter dick.
  • Keine Stützen: Die Form trägt sich durch ihre Krümmung selbst.
  • Eleganz statt Brutalismus: Trotz des Materials wirken die Bauten filigran und lichtdurchflutet.

3. Die Kurmuschel in Sassnitz: Ein akustisches Wunder

Ein weiteres Juwel auf der Müther-Route ist die Kurmuschel in Sassnitz. Direkt an der Promenade gelegen, dient sie als Bühne für Kurkonzerte und Veranstaltungen. Ihre geschwungene Form ist nicht nur ein optisches Highlight, sondern sorgt auch für eine exzellente Akustik.

In Sassnitz lässt sich der Kontrast besonders gut erleben: Auf der einen Seite der raue Hafen und die Kreidefelsen, auf der anderen dieses weiße, schwungvolle Gebilde, das zeigt, dass Beton auch „tanzen“ kann.


4. Die Insel-Rundreise: Müther-Spotting auf Rügen

Wer tiefer eintauchen will, findet über die ganze Insel verteilt Spuren des Schalenkönigs. Müthers Erbe ist heute ein wichtiger Teil der Denkmalpflege auf Rügen:

  • Baabe: Hier findet man einen weiteren ehemaligen Rettungsturm, der heute als Museum und Ausstellungsraum genutzt wird.
  • Göhren: Das „Buswartehäuschen“ oder kleine Pavillons zeigen, dass Müther auch im Kleinen große Architektur schuf.
  • Binz (Ortskern): Neben dem Rettungsturm lohnt ein Blick auf die Gastronomie-Bauten der DDR-Zeit, bei denen Müther oft seine Hände im Spiel hatte.

5. Warum Beton-Architektur heute trendet

Lange Zeit wurde die Nachkriegsmoderne als „Bausünde“ abgetan. Doch die Perspektive hat sich gewandelt. Im Zeitalter von Instagram und der Sehnsucht nach authentischem Design erleben Müthers Bauten ein Revival. Sie sind „Retro-Futurismus“ pur.

Die Kombination aus dem rauen Klima der Ostsee, dem feinen Sandstrand und der kühnen Geometrie des grauen Betons erzeugt eine ganz eigene Melancholie und Schönheit. Es ist ein Architektur-Urlaub für alle, die das Besondere abseits der Kitsch-Postkarten suchen.


Fazit: Ein Kontrastprogramm, das sich lohnt

Rügen ist mehr als nur Kreidefelsen und Adels-Villen. Die Bauten von Ulrich Müther verleihen der Insel eine kosmopolitische, avantgardistische Note. Das „UFO“ von Binz ist dabei das strahlende Zentrum – ein Denkmal für den Mut zur Form und den Beweis, dass Beton eine Seele haben kann.


Häufig gestellte Fragen (FAQ) – Architektur auf Rügen

Was ist das „UFO“ in Binz genau? Es handelt sich um einen ehemaligen Rettungsturm der Wasserwacht, der vom Ingenieur Ulrich Müther entworfen wurde. Heute wird das markante Gebäude hauptsächlich für Hochzeiten genutzt.

Kann man die Müther-Bauten von innen besichtigen? Der Rettungsturm in Binz ist meist nur im Rahmen von Trauungen oder besonderen Führungen zugänglich. Die Kurmuschel in Sassnitz oder die Pavillons in Baabe und Göhren sind frei zugänglich und können von außen jederzeit bewundert werden.

Was zeichnet die Architektur von Ulrich Müther aus? Müther war Spezialist für Schalenbauweise. Seine Gebäude bestehen aus doppelt gekrümmten Betonflächen, die extrem leicht und stabil sind und meist ohne zusätzliche Stützpfeiler im Inneren auskommen.

Gibt es geführte Architektur-Touren auf Rügen? Ja, es gibt spezialisierte Anbieter und Vereine (wie das Müther-Archiv in Wismar oder lokale Guides in Binz), die thematische Rundgänge zur DDR-Moderne und zu Müthers Werken anbieten.

Wo finde ich die meisten Müther-Bauten? Die höchste Dichte findet sich im Ostseebad Binz und Umgebung, da Müther hier lebte und sein Bauunternehmen seinen Sitz hatte. Aber auch in Rostock oder Berlin finden sich weltweit bekannte Werke von ihm.

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